Thursday, September 28, 2017

Zeitlamm

Wie ein junges Lamm ist mir die Zeit entsprungen und nun laufe ich mit fliegenden Haaren hinterher sie einzufangen. Mit Bockspruengen geht es ueber Wiesen und Weiden, ich hinterher, schnurstracks mit vorgeschwungenen Beinen ueber Maufwurfshuegel und Graeben, durch Brombeerhecken und Gaensebluemchenfelder. Ich laufe und laufe, strauchel und stehe wieder auf. Die Knie zerschrammt. Die Haare verheddert. Grasflecken an den Haenden.

Da sieh, es steht und wartet, mein Zeitlamm, und ich halte an. Vornuebergebeugt, mit auf den Knien gestuetzten Haenden verschnaufe ich. Blicke auf und da rennt es schon wieder, hopst und springt querfeldein. Kurz setze ich mich auf einen Stein und schaue vertraeumt in den Himmel. Das stoesst es mich von hinten, das Aas, und auf und davon ist es. Ich laufe und renne, Wut treibt mich nun voran, und nehme Abkuerzungen. Und doch hole ich es nicht ein. So langsam nehme ich nichts mehr wahr um mich herum. Der Schweiss tropft mir in die Augen, die Lunge brennt und droht so explodieren, die Beine schmerzen und geben nach. Mir geht die Luft aus.

Ich lasse mich in die naechstbeste Grasmulde plumpsen, bleibe liegen wie ein Stein, ein keuchender Stein. Ich hole tief Luft, schaue in den Wolkenhimmel und verdraenge das Zeitlamm. Die Wolkenziehen ueber den Himmel. Ich folgen ihnen, den oberen langsameren und unteren schnelleren. Den lachenden Wolken und den traurigen Wolken. Mein Atem verlangsamt sich, Ruhe stellt sich ein, mein Herz schlaegt noch lebendig laut von der Jagd. Ich lauschen den zirpenden Grillen, dem Wind, dem Atem, dem Herzen, dem Sein.

Zeitlamm stupst von hinten, noch einmal und ein bisschen. Vorsichtig strecke ich meine Hand aus. Es schnuppert und laesst sich hinter dem linken Ohr kraulen.

Und so bleiben wir zwei dann noch einen Weile auf der Wiese und geniessen das Sein. Das Zeitlamm und ich. Aneinandergelehnt und eintraechtig.

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